Amors Pfeil trifft ins Herz

 Amors  Pfeil trifft  ins  Herz

Seit langem lebte er allein, und er kam nur schwer damit zurecht. Alles hatte sich mit dem Tod seiner geliebten Frau Christina verändert. Zwei Jahre hatten sie beide mit ihrer schweren Krebserkrankung gelebt, und er hatte alles getan ihre letzte, gemeinsame Zeit, so gut es ging harmonisch und lebenswert zu gestalten. Danach der tiefe Sturz in die Einsamkeit und Trauer. Sie konnte nicht durch seine ebenso betroffenen Kinder, Tochter und Sohn ausgeglichen werden, obwohl sie sich von Herzen um ihren Vater bemühten und kümmerten. Beide Kinder waren lange aus dem Haus, hatten ihre eigenen Familien  gegründet und ihre Berufe, die ihnen viel abverlangten Und auch ihre eigene Trauer. Besonders schlimm waren die Sonntage für ihn, auch deshalb, weil seine so sehr geliebte Frau nach fast dreißig  gemeinsamen, glücklichen Jahren, an einem sonnigen Sonntagvormittag in seinen Armen für immer fortgegangen war. Aber auch die langen Abende, an denen einzig der bunte Bildschirm Leben ins Wohnzimmer hereintrug, machten ihn unbeschreiblich traurig und ließen seine Tränen fließen, wie nie zuvor in seinem Leben. Doch er hatte einen starken Lebenswillen und Vertrauen in die göttliche Führung, und wusste um die Sterblichkeit, auch seine eigene. Sie lag nicht in seiner Hand, aber er fühlte, dass Christina wollte, dass er in seiner tiefen Trauer um sie nicht unterging.  Bei seiner spirituellen Rückführung war ihm von seinem Seelenführer gesagt worden: Habe Mut. Und den zeigte er sich selbst und den Menschen um sich herum. Es war Neuland für ihn, aber er ging mit offenem Herzen auf fremde Menschen zu. Bei Wanderungen, Radtouren, beim Chorsingen, beim Volkstanz, Theater- und Konzertbesuchen, Literaturabenden. Und seine Offenheit und Herzlichkeit wurden ihm vielfach zurückgegeben. Neue Menschen traten in sein Leben. Es war die Wiederentdeckung seines Ichs und auf einmal war die stille Frage da: Bin ich noch liebenswert oder einer Liebe wert? Doch er ließ die Frage unbeantwortet und übergab sie vertrauensvoll dem Schöpfer des Lebens und der Liebe. So hatte er sich an einem Sommerabend im Juli ganz spontan entschlossen, raus aus der lauten Stadt zu einem Konzert auf dem Land zu fahren, nachdem er in der Tageszeitung das breit gefächerte Unterhaltungsprogramm studiert hatte. Französische Chansons sollten vorgetragen waren. Das versprach Lebendigkeit und Lebensfreude. Er liebte diese zarten, oft auch rauen Melodien in der melodischen Sprache, mit der nur kurz in seiner Schulzeit in Berührung gekommen war. Aber auch das Verruchte aus den Bildern und Fotos von Moulin Rouge, die sich in den, vom Akkordeon begleiteten Melodien in seiner Vorstellung wiederfanden. Mireille Mathieu, der Spatz von Paris, war eine der begabtesten Interpreten dieser Kultur gewesen. Er hatte noch viele Schallplatten aus der Zeit. Als er ein bisschen spät den geschmackvoll ausgestalteten großen Raum mit der erhöhten Bühne betrat, war dieser schon zu Dreiviertel besetzt. Und dann, welche Überraschung, winkten ihm Hände freundlich zu und signalisierten  einen freien Platz. Es war ein Ehepaar aus seinem  Gospelchor,  zu dem er netten Kontakt geknüpft hatte. Erwartungsvolle Stille hatte sich ausgebreitet, als die drei unterschiedlich kostümierten Künstler die kleine Bühne betraten. Zwei Frauen, ein Mann mit der typischen Baskenmütze von der Seine; alle etwa im Alter zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig. Akkordeon, Gitarre und ein Saxofon waren  die Begleitinstrumente zu ihren Stimmen. Die schwarzhaarige, schlanke Sängerin in einem hautengen Kostüm mit weitem  Dekolleté, und verruchten schwarzen Straps, schien direkt aus dem Montmatre in Paris zu stammen. Und nach der freundlichen Begrüßung durch den Veranstalter ging es endlich los.Lieder, Texte, lebendige Klänge und Tanzschritte sorgten für die Einstimmung in eine Welt voller Leichtigkeit. Ein Titel nach dem anderen erklang. Die Seine war näher gerückt. Er fühlte sich beschwingt und so fröhlich wie lange nicht. Doch wo blieb der wohlverdiente, rauschende Beifall?  Nur rechts hinter ihm, unsichtbar im Halbdunkel des weiten Raumes, hörte er ein mutiges, einsames Klatschen. Er schaute sich verwundert um, und sah jedoch nur in verschlossene Gesichter, die von den fröhlichen Melodien noch nicht erreicht worden waren. Wie konnte das sein? Viel zu früh war für ihn die Pause gekommen, und er wollte im Gespräch mit den Bekannten bei einem Glas  Cabernet  auf dieses Phänomen zu sprechen kommen. An einem Bistrotisch hatten sie zu Dritt angestoßen und von den angebotenen Salzstangen  reichlichen Gebrauch gemacht. Gesprächsfetzen drangen an sein Ohr und die letzten Klänge von Paris, Mon Amour, beschwingten seine Gefühle. Und dann erschien Sie plötzlich an dem hohen Bistrotisch, der ihr fast bis an die Schulter reichte. Von irgendwo her. Er wusste es nicht. Und die mehr als einen Kopf kleinere Frau mit ihren kurzen, dunkelblonden Haaren, ihren lebendigen Augen, griff fröhlich und keck lachend  zu den Salzstangen und verschwand wie ein Wirbelwind. „Sie können ruhig zugreifen, die kosten doch nichts“, hatte er belustigt hinter ihr her gerufen. Doch sie war schon verschwunden. <Schade>, hatte er  noch gedacht, als Momente später dieselbe Frau, nun aus der anderen Richtung kommend, sich erneut zur kleinen Gruppe gesellte. Sie stellte sich dicht neben ihn, und lächelte ihn freundlich an. Ganz offen und mit viel Wärme. Auf einmal war er wie elektrisiert und wollte wieder an seinen small talk mit  ihr anknüpfen, als der Gong erklang und die zweite Hälfte des Konzerts ankündigte. Nach einem sekundenlangen, intensiven Blickwechsel, und bedauerndem Schulterzucken, verschwand die muntere, viel Weiblichkeit ausströmende Unbekannte so rasch wie zuvor. Die Begegnung hatte kaum fünf Minuten in Anspruch genommen und doch oder gerade deshalb, war seine Neugier geweckt worden. Noch beeindruckt davon, hatte er wieder seinen Platz neben den Chorfreunden eingenommen, und vergeblich versucht, im abgedunkelten Raum zu erkennen, wohin die nicht mehr ganz  junge Frau entschwunden war. <Sie würde zu dir passen>, sagt die mutige Stimme seines Herzens. <Du bist ja verrückt>, antwortete  sein Verstand. Und dann verlangten die Klänge der Instrumente und die hervorragende Stimme der schwarzhaarigen Französin, die nun ein anderes, ähnlich aufreizendes Kostüm präsentierte, seine volle Aufmerksamkeit. Der nachfolgende Applaus des inzwischen lebhafter gewordenen Publikums, wurde erneut von einem einzelnen, kräftigen  Applaus und dem hui, hui, hui einer weiblichen Stimme übertrumpft. Jetzt war er hellhörig  geworden und registrierte; das war dasselbe Klatschen wie vor der Pause. Wer klatscht da so begeistert? Nach einem weiteren schwungvollen Chanson hatte er spontan den Sitznachbarn erklärt: "Da muss ich hin!"  Sie hatten beide verständnisvoll gelächelt. Unwillige Blicke und Gemurmel hatten ihn begleitet, als er im Halbdunkeln seinen Platz verlassen, und ein paar Reihen hinter sich die  fröhlich klatschende Person entdeckt hatte. Ja, sie war es, die Gesuchte in ihrer Quicklebendigkeit und Lebensfreude. Die Frau, die die Salzstangen gemopst hatte. Ohne ein Wort zu sagen, hatte er sich direkt neben sie gesetzt. Aber sie blickte ihn freundlich und mit einem Lächeln an, und nahm seine Anwesenheit wie selbstverständlich hin, so als ob sie sein Kommen erwartet hatte. Und nun feuerten sie das Publikum mit ihrer gemeinsamen Begeisterung und Ausgelassenheit an, so dass sich die Menschen zum Applaus von den Plätzen erhoben. Eine hör- und sichtbare Stimmungswende war eingeläutet. Und die Künstler registrierten es dankbar  mit erhöhtem Einsatz. Er fühlte sich so wohl wie seit Jahren nicht mehr. Die geschmackvoll gekleidete Frau mit dem sportlichen Kurzhaarschnitt, der schon etwas Grau erkennen ließ, erschien ihm so vertraut, als ob er sie schon lange Zeit kannte. Ohne zu Zögern war er zum schnellen DU übergegangen. Und das war von seiner Nachbarin, deren warmen Körper und Atem er an seiner Seite verspürte, nicht in Frage gestellt worden. Jede neue Darbietung der Künstler auf der Bühne, wurde durch das neue Gefühl des Zusammenseins bei ihm zu einem sinnlichen Höhepunkt. Doch die einmalig  geschenkte Zeit, die ihm erlaubte, Töne, Bilder und Bewegungen  in ihrer Gegenwart  zu erleben, schien ihm wie unter den Fingern zu zerinnen. Das könnte ewig so bleiben, hatte er gedacht, als er heimlich die Frau neben sich im Dämmerlicht des Raumes betrachtete. Ihr gutgeschnittenes Profil, ihre gerade Nase, ihre nicht zu übersehende, gleichwohl unaufdringliche Weiblichkeit. Die aufmerksame Haltung beim Zuhören, das gepflegte Äußere; alles umgeben vom Duft eines feinen, blumigen Parfüms. Beinahe hätte er seinen Arm um sie gelegt. Und spontan richtete er an die unbekannte Frau, in die er sich von jetzt auf gleich so heftig verliebt hatte, die für ihn wichtige Frage: Bist Du verheiratet?" Die Frau ohne Namen schaute ihm geradewegs ins Gesicht und sagte: "Ja. Und ist das wichtig?" Für einen Moment war er betroffen, und dann hatte er es leise verneint. Doch in seinem Innern hatte er gefühlt, dass das nicht gut für ihn war. Denn es war sein Grundsatz, nie in eine fremde Beziehung einzudringen. Und somit war alles geklärt. Nach Abschluss des erfolgreichen Konzerts hatten sie sich trotzdem in angenehmer Stimmung noch eine Weile mit der Chansonsängerin unterhalten, die ein ulkiges Deutsch sprach, und sich über die Anerkennung ihrer Lieder sehr freute. Danach waren sie schweigend auf den Parkplatz zu ihrem Auto gegangen und er hatte gewusst, dass nun der Abschied, wahrscheinlich der endgültige, bevorstand. Dennoch hatte er hoffnungsvoll gefragt: "Wollen wir noch irgendwohin was trinken?" Doch Marianne, so war ihr Vorname, sagte, dass sie nicht länger wegbleiben könne. Das Konzert sei längst vorbei und sie müsse jetzt nach Hause. Tiefe Enttäuschung hatte sich bei ihm breitgemacht. Aber was hatte er denn erwartet von einer verheirateten Frau? „Wir sehen uns wieder“, sagte sie mit  klarer Stimme, unerwartet, sehr bestimmt und irgendwie tröstlich. Er mochte diese Stimme, wie alles an ihr. Und dann ihre Frage: „Hast Du eine Mailadresse?“  Er hatte ihr sein Visitenkärtchen in die kleine, feste Hand gedrückt, und sich zum Abschied ihr rundes Gesicht mit dem warmen Lächeln tief eingeprägt, als wenn es nie mehr so sein würde. „Bis bald,“ waren ihre letzten Worte und ein freundliches Winken, als sie in ihr Auto stieg, und schwungvoll vom dunklen Parkplatz in die Nacht gefahren war. Als er das Kennzeichen ablas, hatte er gemurmelt – Gott sei Dank, nicht aus der Ferne-  und war beschwingt zu seinem Auto gegangen. Ein unbekanntes Glücksgefühl hatte ihn erfüllt, von dem er schon nicht mehr gewusst hatte, dass er es noch empfinden konnte. Wie in einem Traum hatte er sich durch die Nacht nach Hause gesteuert, und war voller Glück in seine einsamen, stillen Räume gegangen. Etwas Neues und doch so Altes hatte sein Herz berührt. <Ich bin verliebt, verliebt>, hatte er voll Freude gedacht, bevor ihm im Bett mit der leeren Hälfte die Augen zufielen. Und das Leben hatte plötzlich wieder einen Namen: Marianne!  Zwei Tage später hatte er in seinem Mail Postfach IHRE Nachricht geöffnet. „Ich möchte Dich kennenlernen, Uwe. Gruß Marianne.“ Sein Herz hatte seinen unruhigen Lauf begonnen, und er war wie ein Verrückter in seinem Arbeitszimmer herumgetanzt, dort wo auf dem Schreibtisch das Porträt seiner Frau stand. „Christina, sie  will mich wiedersehen. Ist das nicht herrlich?  Oh, wie ist das Leben wieder schön. Amors Pfeil hat mich ins Herz getroffen! “

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